Once Twice

Lovers, 2014, 70 x 50 cm, Gallery Print

Woman, 2014, 70 x 50 cm, Gallery Print

Statue, 2014, 70 x 50 cm, Gallery Print

Sea, 2014, 70 x 50 cm, Gallery Print

Bird, 2014, 70 x 50 cm, Gallery Print

People, 2014, 60 x 45 cm, Gallery Print

„Once Twice“ Überblendungen – Zwischen Präsenz und Auflösung

Die Fotoserie „Once Twice“ basiert auf einem strikt analogen Arbeitsprozess, bei dem digitale Bildbearbeitung vollständig ausgeklammert ist. Fotografiert wird mit einer analogen Kamera direkt vom Fernsehbildschirm, während ich vor dem laufenden Fernseher sitze und kontinuierlich auslöse. Ziel ist es, zufällig genau jenen Augenblick zu erfassen, in dem ein Filmschnitt stattfindet – jener kurze Moment der Überblendung, in dem zwei Einstellungen gleichzeitig sichtbar sind. Dieser Moment ist weder planbar noch reproduzierbar: Jede Aufnahme entsteht aus reinem Zufall und bleibt einmalig.

Die Bilder bewegen sich damit im Grenzbereich zwischen Film und Fotografie. Sie sind keine konstruierten Szenen, sondern Momentaufnahmen eines fortlaufenden zeitlichen Geschehens, vergleichbar mit einem stroboskopischen Effekt. Es geht nicht um das bewusste Arrangieren von Subjekt und Objekt innerhalb einer Kulisse, sondern um das Festhalten eines flüchtigen Übergangs innerhalb eines medialen Ablaufs. Die Abfolge der Motive ist unvorhersehbar und prinzipiell unendlich.

Durch das Abfotografieren der Bildschirmoberfläche entsteht eine eigenständige, künstliche Bildästhetik, die sich bewusst von klassischen fotografischen Qualitätsmaßstäben entfernt. Schärfe, korrekte Belichtung oder technische Perfektion verlieren ihre Bedeutung. Stattdessen sind die Bilder unscharf, verzerrt, verschwommen – visuelle Artefakte eines medialen Zwischenraums.

Besonders zentral ist dabei die Überblendung: ein in der Fotografie traditionell unerwünschtes Phänomen, das im Film hingegen gezielt als Stilmittel eingesetzt wird. Sie entsteht allein durch das „Auslösen im richtigen Moment“, ohne den Einsatz von Mehrfachbelichtungen oder nachträglicher Montage. Dadurch wird die Überblendung zu einem Mittel, das ein neues Bildverständnis eröffnet und sowohl die Wahrnehmung von Realität als auch die Rolle von Fotografie und Autorschaft auf mehreren Ebenen infrage stellt.

Die Überblendungen erzeugen einen Schwebezustand zwischen Sichtbarkeit und Verschwinden. Mehrere Bildschichten legen sich übereinander, ohne sich eindeutig zu trennen. Figuren, Architekturen und Skulpturen erscheinen nicht mehr als feste Motive, sondern als Erinnerungsfragmente, die sich gegenseitig durchdringen. Die Realität wirkt gebrochen, als würde sie gleichzeitig aus verschiedenen Zeiten und Perspektiven bestehen.

Menschen tauchen als Silhouetten oder Bewegungsreste auf – anonym, flüchtig, kaum greifbar. Ihre Körper verlieren an Kontur und werden Teil eines größeren visuellen Gefüges. Besonders in den urbanen Szenen entsteht so der Eindruck eines kollektiven Gedächtnisses: Stadt, Bewegung und Mensch verschmelzen zu einem einzigen Bildraum, in dem Identität nicht festgeschrieben, sondern ständig im Wandel ist.

Die Überlagerung klassischer Motive – etwa historischer Figuren oder Skulpturen – mit modernen Bildfragmenten verstärkt diesen Effekt. Vergangenheit und Gegenwart existieren gleichzeitig, ohne Hierarchie. Die bekannten Formen werden durch die Überblendung verfremdet und zugleich neu aufgeladen. Das Ikonische verliert seine Eindeutigkeit und öffnet sich für neue Bedeutungen. Farblich dominieren kühle, gedämpfte Töne, die wie ein Schleier über den Bildern liegen. Sie verstärken den Eindruck von Distanz, Traumhaftigkeit und innerer Bewegung. Die Überblendung wird dabei nicht als technischer Effekt verstanden, sondern als künstlerisches Mittel, um Wahrnehmung zu hinterfragen: Was sehen wir wirklich – und was ergänzen wir aus Erinnerung, Erfahrung und Erwartung?

Fotograf:in und Betrachter:in gleichermaßen in die Rolle unsichtbarer Gäste: Sie finden sich auf einer Fashion-Party wieder, beobachten historische oder naturwissenschaftliche Dokumentationen, werden Teil amerikanischer Jugendkulturen oder nehmen die Position einer Voyeurin, eines Voyeurs in einem Roadmovie ein. Das Motivspektrum ergibt sich ausschließlich aus dem laufenden Fernsehprogramm und dessen filmischer Dramaturgie.

Diese Werke laden zum langsamen Sehen ein. Steht die Betrachterin, der Betrachter vor dem Bild, wird auch sie durch die Spiegelung des Materials Teil der Arbeit und stellt somit die 3. Ebene dar. Erst im längeren Betrachten beginnen sich einzelne Ebenen zu lösen, ohne sich vollständig zu offenbaren. Die Überblendungen bleiben bewusst ambivalent – sie zeigen nicht entweder–oder, sondern ein sowohl–als–auch. Genau in dieser Offenheit liegt ihre poetische Kraft.